„Ostjuden“ als Angelpunkt judenfeindlicher Hetze

Als im Winter 1915 über 130.000 Personen Zuflucht vor der zaristischen Armee in Wien suchten, wurde zunächst mit Mitgefühl reagiert. Doch schon rasch wandte sich die Stimmung gegen die mehrheitlich jüdischen Zuwanderer aus den galizischen „Shtetlech“ und Antisemiten schärften ihre Waffen.


 

Während des Krieges litt die jüdische Zivilbevölkerung ebenso wie die nicht-jüdische an den Auswirkungen der kriegerischen Auseinandersetzung und zahlreiche Juden und Jüdinnen förderten die Aktivitäten an der „Heimatfront“. Sie engagierten sich in patriotischen Wohltätigkeitsorganisationen, kauften Kriegsanleihen und unterstützten die rund 300.000 jüdischen Soldaten und deren Familien.

Die prekäre Lebenssituation der jüdischen Bevölkerung in Wien verschärfte sich jedoch, als bald nach Kriegsbeginn die größte jüdische Flüchtlingsbewegung seit dem 17. Jahrhundert einsetzte. Die Niederlagen in den ersten Kriegsmonaten und das Vordringen der zaristischen Armee in Galizien und der Bukowina ließ Tausende Familien ins Innere der Monarchie flüchten – für viele ein traumatisches Erlebnis. Selten war die Flucht sorgfältig vorbereitet und nur wenigen gelang es, die meist geringen Vermögenswerte in Sicherheit zu bringen.

Die Anzahl der jüdischen Flüchtlinge kann nicht mit Gewissheit beziffert werden. Schätzungen zufolge befanden sich in der ersten Kriegsphase etwa 400.000 Juden und Jüdinnen aus dem Osten der Monarchie auf der Flucht. Zielort für viele Schutzsuchende war Wien. Sie hofften, von bereits in Wien lebenden Familienangehörigen und Bekannten unterstützt zu werden. Im Herbst 1915 schätzte das österreichische Innenministerium die Zahl der Flüchtlinge in Wien auf 137.000 Personen. Die Mehrheit der Neuankömmlinge war mosaischer Konfession, wodurch die Zahl der jüdischen Bevölkerung erheblich stieg.

Die Unterbringung, Versorgung und Absicherung des täglichen Überlebens der Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina stellte die Behörden vor fast unlösbare Herausforderungen. Die meisten Vertriebenen kamen aus Regionen mit hohem jüdischem Bevölkerungsanteil, deren Leben von Armut und Bindung an religiöse Traditionen geprägt war. Zahlreiche Vereine und Privatpersonen, unter ihnen besonders viele Frauen, unterstützten die jüdischen Flüchtlinge, eröffneten Suppenküchen und Lazarette, organisierten Kinderbetreuungseinrichtungen und Unterkünfte für die Neuankömmlinge.

Innerhalb der jüdischen Gemeinde herrschte Uneinigkeit darüber, wie man sich den Flüchtlingen gegenüber verhalten sollte und alteingesessene, etablierte Juden und Jüdinnen fürchteten, die Anwesenheit der verarmten „Ostjuden“ würde den Antisemitismus weiter schüren. Tatsächlich verschärfte die große Zahl der jüdischen Neuankömmlinge die Abwehrreaktion der Wiener Bevölkerung und die Stimmung wandte sich gegen die Flüchtlinge aus dem Osten.

Diese Ablehnung nährte sich aus der Angst vor „dem Fremden“ und aus über Jahrhunderte hinweg tradierten antisemitischen Ressentiments. Hinzu kam, dass sich die Lebensmittel- und Heizmaterialknappheit sowie die Wohnungsnot verschlimmerten. Diese prekäre Lage wurde von antisemitischen Agitatoren genutzt. Obwohl die Zahl der jüdischen Flüchtlinge in Wien 125.000 nie überstieg und bis 1921 bis auf 26.000 Personen alle jüdischen ZuwanderInnen in ihre Herkunftsgebiete zurückgeschickt worden waren, wurden die mittellosen Flüchtlinge zum zentralen Motiv antisemitischer Hetze. Juden und Jüdinnen wurden in aller Schärfte für die grassierenden sozialen Probleme verantwortlich gemacht und mit diffamierenden Begrifflichkeiten wie „Ostjuden“, „Hamsterer“, „Spekulanten“ und „Kriegsgewinnler“ angegriffen.

Dieser Stimmungsumschwung zeigte sich auch in den Stimmungsberichten der Wiener Polizei. Am 1. Oktober 1914 wurde unter dem Stichwort „Galizische Flüchtlinge“ notiert: „Die Bevölkerung des zweiten Bezirks, wo sie [galizische Flüchtlinge] sich zumeist aufhalten, beginnt bereits sie als eine sehr unangenehme „Invasion“ zu empfinden und befürchtet ausser der bereits bemerkbaren Verteuerung der Lebensmittel auch die Einschleppung von Krankheiten.“

Ihren Höhepunkt erreichte die antisemitische Hetze allerdings erst nach Kriegsende, als die politischen Parteien das Thema zum politischen Programm machten.

Bibliografie 

Hoffmann-Holter, Beatrix: „Abreisendmachung“. Jüdische Kriegsflüchtlinge in Wien 1914 bis 1923, Wien et al. 1995

Lichtblau, Albert: Integration, Vernichtungsversuche und Neubeginn – Österreichisch-jüdische Geschichte 1848 bis zur Gegenwart, in: Brugger, Eveline et al. (Hrsg.): Geschichte der Juden in Österreich, Wien 2006, 447-566

Lichtblau, Albert: Zufluchtsort Wien. Jüdische Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, in: Patka, Markus im Auftrag des jüdischen Museums Wien (Hrsg.): Weltuntergang. Jüdisches Leben und Sterben im Ersten Weltkrieg, Wien/Graz/Klagenfurt 2014, 134-142

Rechter, David: The Jews of Vienna and the First World War, London 2001

Zitate:

„„Die Bevölkerung des zweiten Bezirks...“: Stimmungsberichte aus der Kriegszeit, k. k. Polizeidirektion Wien, 1. Oktober 1914, Wienbibliothek im Rathaus

Inhalte mit Bezug zu diesem Kapitel

Aspekt

Personen, Objekte & Ereignisse

  • Objekt

    Flucht und Deportation

    Millionen von Menschen flohen während des Krieges vor den Kampfhandlungen und den marodierenden Soldaten. Besonders dramatisch erwies sich die Situation in den ethnisch heterogen zusammengesetzten Gebieten der Ostfront. Neben den Invasoren gingen hier auch die Soldaten des Ansässigkeitsstaates gegen die Bevölkerungsminderheiten vor. Darüber hinaus wurden hunderttausende Zivilisten aus den Front- und Etappenbereichen ins Hinterland zwangsdeportiert: Zum einen, weil da man sie als unzuverlässige „innere Feinde“ betrachtete, zu anderen um sie als Zwangsarbeiter auszubeuten.

  • Objekt

    Mangel und Elend

    Als im Jänner 1915 die Bevölkerung auf ausbleibende Brot- und Mehllieferungen mit Panikkäufen reagierte, führte die Kriegs-Getreide-Verkehrsanstalt das Bezugskartensystem ein. Pro-Kopf-Quoten wurden festgesetzt und über Brot- und Mehlkarten verteilt. Doch selbst die zugewiesenen Rationen konnten angesichts der Krise immer seltener ausgegeben werden und die Papierscheine erwiesen sich als wertlos.

Entwicklungen

  • Entwicklung

    Antisemitismus

    Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde der Antisemitismus zur politischen Bewegung, die den Judenhass zum ideologischen Programm und zur Richtschnur für politische Aktionen erhob. Dahinter verbarg sich eine Ideologie, die Juden und Jüdinnen als „die Anderen“ stigmatisierte und als eine die Gesellschaft bedrohende Gefahr inszenierte. Während des Ersten Weltkrieges führte der „innere Burgfrieden“ zunächst zu einem Abflauen der antisemitischen Hetze, doch der ungünstige Kriegsverlauf förderte die antisemitische Ausschlusspolitik.