Der hohe Preis des Friedens

Der Vertrag von Saint-Germain und die Genese der österreichischen Grenzen

Mit den von Jänner 1919 bis August 1920 in den Vororten von Paris abgehaltenen Friedenskonferenzen sollte eine neue internationale Ordnung geschaffen werden.

Der Friedensschluss mit dem Deutschen Reich, Deutschösterreich, Bulgarien, Ungarn und der Türkei erfolgte durch die Verträge von Versailles, Saint-Germain, Neuilly, Trianon und Sèvres – dort wurde auch die Nachkriegsordnung festgehalten. Die Friedensverhandlungen stützten sich im Wesentlichen auf das „Vierzehn-Punkte-Programm“ des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, in dem dieser unter anderem die Etablierung eines Völkerbundes sowie das nationale Selbstbestimmungsrecht der Völker gefordert hatte. Hier hieß es: „Den Völkern Österreich-Ungarns, deren Platz unter den Nationen wir geschützt und gesichert zu sehen wünschen, sollte die freieste Gelegenheit zu autonomer Entwicklung zugestanden werden.“ Nach Wilson sollten die einzelnen Volksgruppen bzw. Nationalitäten, so sie dies wünschten, künftig einen eigenen Staat erhalten. Die Hoffnungen der besiegten Mächte, dieses Selbstbestimmungsrecht auch für sich selbst geltend zu machen, schlugen jedoch fehl. Die Alliierten sahen in der Republik Deutschösterreich die direkte Nachfolgerin der für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlichen Donaumonarchie, weshalb der noch junge Kleinstaat keinen Verhandlungsspielraum bekam und die ihm auferlegten Bedingungen zur Gänze akzeptieren musste.

Wie auch das Deutsche (Kaiser-)Reich hatte Österreich große territoriale Verluste zu verzeichnen und konnte seine Forderung, alle Deutschsprachigen der ehemaligen Habsburgermonarchie in der neu gegründeten Republik zu vereinen, nicht verwirklichen. Während Südkärnten und das Burgenland nach konfliktreichen Auseinandersetzungen an Österreich gingen, mussten andere (teils) deutschsprachige Gebiete – wie Südtirol, das Kanaltal, die Südsteiermark, das südlich der Karawanken gelegene Mießtal und Teile Böhmens, Mährens und Schlesiens – abgetreten werden. Von den 10 Millionen deutschsprachigen BewohnerInnen verblieben aufgrund der Pariser Friedensverhandlungen und der anschließenden Volksabstimmungen nur 6,5 Millionen in Österreich. Der Name Deutschösterreich durfte nicht länger geführt werden. Hinzu kam das Anschlussverbot an das Deutsche Reich, weshalb der am 10. September 1919 von Staatskanzler Karl Renner im Schloss Saint-Germain unterzeichnete Vertrag zwischen Österreich und den 27 alliierten und assoziierten Mächten eher als „Diktatfriede“ bzw. in der überspitzten Formulierung des damaligen Staatsoberhauptes Karl Seitz als „Vernichtungsfriede“ empfunden wurde.

Die in den Pariser Vororteverträgen beschlossenen Grenzziehungen der Staaten Mittel- und Ostmitteleuropas berücksichtigten die Ansprüche der einzelnen Volksgruppen jedoch nur bedingt. Eine langfristige Lösung der Minderheiten- bzw. Nationalitätenproblematik blieb aus. Vielerorts, wo man mit neuen Grenzen die Gleichberechtigung zu fördern trachtete, entstand aufgrund der veränderten Lebensbedingungen neues Konfliktpotenzial. Beispielsweise lebten in der Tschechoslowakischen Republik neben 43% TschechInnen und 22% SlowakInnen auch 23% Deutsche, 5% UngarInnen, 3% UkrainerInnen und 4% Juden und Jüdinnen. Erschwerend kam hinzu, dass der Erste Weltkrieg vielfach zu einer Verschärfung des Nationalismus beigetragen hatte.

Bibliografie 

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14-Punkte-Programm von US-Präsident Woodrow Wilson. Unter: http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/14punkte/ (22.04.2013)

 

Zitate:

„Den Völkern Österreich-Ungarns ...“: Woodrow Wilson, zitiert nach: Website des Deutschen Historischen Museums. Unter: http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/14punkte/ (22.04.2013)

Inhalte mit Bezug zu diesem Kapitel

Aspekt

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    Nach dem Krieg

    Mit dem Ersten Weltkrieg ging das „lange 19. Jahrhundert“ zu Ende. An die Stelle der monarchischen Imperien traten neue politische Player. Die k. u. k. Monarchie zerfiel in einzelne Nationalstaaten. Im November 1918 wurde die Republik Deutschösterreich proklamiert, im Oktober 1920 Österreich als Bundesstaat errichtet. Die Jahre nach dem Krieg waren überaus bewegt: Sie changierten in einem Spannungsverhältnis von Aufbruch und Niederlage, zwischen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Errungenschaften und Rückschlägen.

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