„Die sterbende Stadt“

Den Krieg zu beginnen, war ein Leichtes. Aber den Krieg zu beenden, schien unmöglich zu sein. Die Bevölkerung wollte ab dem „Steckrübenwinter“ 1916/17 vom Krieg nichts mehr wissen. Die Reichshaupt- und Residenzstadt versank in einem Strudel von Apathie und Aggression, Schmutz und sozialer Schmach.

Die Wiener Bevölkerung war sichtlich gezeichnet, das Gros längst unterernährt, Kleider und Anzüge passten nicht mehr, Mittel gegen Krätzmilben waren stark nachgefragt, Schuhe und Ledersohlen wurden zum hoch begehrten Gut, die Ärzte diagnostizierten Mangelkrankheiten. Kinder waren selbst in der kalten Jahreszeit barfuß unterwegs. Landgemeinden taten mit Tafeln kund, dass „Hamsterer“, Ausflügler und Sommerfrischler aus Wien unerwünscht seien; bisweilen wurden solche recht brutal gestoppt. Die Wiener Bevölkerung fühlte sich eingesperrt, vergessen von Regierung und Verwaltung. Invalide Soldaten waren als Werkelmänner auf der Suche nach Almosen. Die Stimmung war aggressiv, die Klage über die Kriegsgrobheit allgegenwärtig, Rücksicht und Höflichkeit blieben im Überlebenskampf auf der Strecke. Autos und Fiaker waren von den Straßen verschwunden, in den Schaufenstern dominierte die Leere, viele Waren gab es nicht mehr. Zettel an den Türen der Restaurants verhießen: „Bis Kriegsende geschlossen“. Bis auf einige wenige Ausnahmen wurde jegliche Bautätigkeit eingestellt, viereinhalb Jahre lang gab es kaum Renovierungen. Gar vieles, was vor 1914 projektiert, geplant oder baureif war, konnte nicht mehr begonnen geschweige denn fertiggestellt werden. Die Planungen für den U-Bahnbau, das neue städtische Museum auf der Schmelz und das Prunkgebäude der österreichisch-ungarischen Bank auf den Gründen der ehemaligen Bosniakenkaserne in der Alserstraße mussten aufgegeben werden. Der Kriegsbeginn bildete eine epochale Zäsur in der glanzvollen Baugeschichte der Stadt. Die soziale Agenda hatte Vorrang.

Je länger der Krieg dauerte, desto stärker stieg in Wien der Pegel der Polarisierung. Ein Zwischenfall im Rathauskeller Anfang Mai 1918 war ein kleiner Baustein im großen Nationalitätenkonflikt: Weil dort tschechische Reichsratsabgeordnete und andere hochrangige Repräsentanten aus Brünn Tschechisch sprachen, wurden sie aus dem Lokal verwiesen. Auf die Schlägerei folgte der Konter: Die tschechischen Abgeordneten ersuchten den Ministerpräsidenten, von der Kartoffelbelieferung Wiens aus Mähren vorläufig Abstand zu nehmen. Der Druck im sozialen und politischen Gefüge Wiens nahm sichtlich zu. Bürgermeister Weiskirchner verlangte am Deutschen Volkstag im Juni 1918 antislawische Maßnahmen und generell eine Politik, die einbekennt, dass „den Deutschen die führende Rolle im Reich gebührt“. Antisemitische Strömungen hatten Hochkonjunktur: Juden wurden für den Krieg, die Teuerung oder die Spanische Grippe verantwortlich gemacht, und es wurde administrativ viel getan, um ihnen das Leben in der Hauptstadt zu vergällen. Im Wiener Gemeinderat wurde gegen sie gehetzt, jüdische Flüchtlinge aus Galizien sollten zur baldigen Rückkehr in Ihre Heimat bewegt werden. Der Mittelstand blickte neidvoll auf die Arbeiterschaft, die sich höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen durch Streiks erkämpfte.

Die Situation der Kinder und Jugendlichen in der Stadt wurde ab 1915 als sehr kritisch geschildert. In vielen Fällen waren Väter an der Front, Mütter mit Erwerbsarbeit beschäftigt. Kinder wurden vielfach in die Elternrolle gedrängt, konnten nicht beaufsichtigt werden, streunten wild in der Stadt herum. 80 Prozent waren nach dem Krieg vom Hunger gezeichnet. Die Bilder des Wiener Kinderelends entsetzten nach dem Krieg ganz Europa und ließen Hilfsorganisationen in die Stadt eilen. Die Sorge um die zukünftige Generation wurde zum großen Thema. Die Gemeindeverwaltung richtete ein eigenes Jugendamt ein. Unzählige Organisationen arbeiteten sich an der Aufgabe ab, Kinder aus dem Elend zu holen, der Verwahrlosung zu entziehen, sie notdürftig zu ernähren und zumindest im Sommer in Tagesheimstätten, Sommerlagern oder durch Kinderlandverschickungen an die frische Luft zu bringen.

Bibliografie 

Pfoser, Alfred: Wohin der Krieg führt. Eine Chronologie des Zusammenbruchs, in: Pfoser, Alfred/Weigl, Andreas (Hrsg.): Im Epizentrum des Zusammenbruchs. Wien im Ersten Weltkrieg, Wien 2013, 580-686

Inhalte mit Bezug zu diesem Kapitel

Aspekt

Personen, Objekte & Ereignisse

  • Objekt

    Mangel und Elend

    Als im Jänner 1915 die Bevölkerung auf ausbleibende Brot- und Mehllieferungen mit Panikkäufen reagierte, führte die Kriegs-Getreide-Verkehrsanstalt das Bezugskartensystem ein. Pro-Kopf-Quoten wurden festgesetzt und über Brot- und Mehlkarten verteilt. Doch selbst die zugewiesenen Rationen konnten angesichts der Krise immer seltener ausgegeben werden und die Papierscheine erwiesen sich als wertlos.

Entwicklungen

  • Entwicklung

    Nationalitätenpolitik im Vielvölkerreich

    Am Beginn des Zeitalters der Nationswerdung diente das Reich der Habsburger als Treibhaus für die Entwicklung nationaler Konzepte für die Völker Zentraleuropas.  Später wurde der staatliche Rahmen der Doppelmonarchie jedoch immer öfter als Hindernis für eine vollkommene nationale Entfaltung gesehen.

  • Entwicklung

    Antisemitismus

    Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde der Antisemitismus zur politischen Bewegung, die den Judenhass zum ideologischen Programm und zur Richtschnur für politische Aktionen erhob. Dahinter verbarg sich eine Ideologie, die Juden und Jüdinnen als „die Anderen“ stigmatisierte und als eine die Gesellschaft bedrohende Gefahr inszenierte. Während des Ersten Weltkrieges führte der „innere Burgfrieden“ zunächst zu einem Abflauen der antisemitischen Hetze, doch der ungünstige Kriegsverlauf förderte die antisemitische Ausschlusspolitik.